Menschliche Haut als Ueberflaeche
(Kommentar)

 

"Die menschliche Körperoberfläche (Gesicht, Haut allgemein) ist ueberflaechig, weil alle sozial-kommunikativen Bedeutungen in ihnen, nicht unter oder hinter ihnen liegen. Als Überflächen erscheinen sie also, weil wir uns unter/hinter ihnen nichts vorstellen können oder nichts vorstellen wollen - etwa weil die Vorstellung unerträglich wäre."
(Haut und Lack als
Ueberflaechen)
 

Ich denke: Ausnahmen von dieser Regel konstituieren sich in der Perspektive der Träger seltener sozialer Rollen, der des Aufschneiders (der Pathologen bei der Autopsie) etwa oder der des Aufschlitzers (der Kriminelle, der den Leib seiner Opfer vor oder nach ihrem Tod öffnet). Und auch von diesen beiden Beispielen ist nur das erste wirklich eines: Ausschließlich für den Aufschneider ist der Blick auf die Haut nicht durch Ueberflaechigkeit dominiert. Am einleuchtendsten demonstriert dies vielleicht ein Pathologen-Witz, der seit Jahren in Massen- und Netzwerkmedien kursiert:

 

Der Pathologe hat nach 40jähriger Ehe seine verstorbene Frau auf dem Tisch. Nach Ende der Obduktion fährt er sich gedankenverloren durch die schütter gewordenen Haare: "Nun waren wir so lange verheiratet und erst jetzt merke ich, was ich da für ein Schatzkästlein hatte..."

 

Die schwarzhumorige Pointe resultiert daraus, dass eine sozial wie emotional eigentlich unstatthafte Vermischung von beruflicher und privater Rolle in einer ganz spezifischen, nämlich asymmetrischen Form vorgenommen wird: Der Liebende erweist sich als Liebender dadurch, dass er wie ein Pathologe denkt, der Pathologe hingegen als Pathologe, indem er nicht wie ein Liebender handelt. Nur auf diese Weise bleibt trotz Verwandlung der unzerstörbaren Ueberflaeche in zerstörbare Oberfläche Sinn erhalten, allerdings der Sinn des Pathologen. Aus Sicht des gewöhnlichen Zuhörers erscheint dieser Sinn als ein morbid-obszöner und als solcher vermag er einen Moment des (moralischen) Erschreckens zu induzieren, der dann im Lachen seine affektive Auflösung erfährt.

 

Den Aufschlitzer hingegen wird diese Geschichte zu Tränen rühren, erfährt hier ein doch ein anderer die Erfüllung, die ihm selbst dauerhaft versagt bleibt. Denn im Gegensatz zum Aufschneider findet der Aufschlitzer unter der Haut niemals das, was er sich ersehnt. Und genau dies ist sein Dilemma: Was er unter der scheinbaren Oberfläche (die in Wirklichkeit Ueberflaeche ist) sucht, findet er dort nicht - und was er beim Aufschlitzen findet, ist gerade nicht das, was der sucht. Genau dies aber will er nicht einsehen oder er kann es nicht. Deshalb ist das Aufschlitzen die Serientat, der Aufschlitzer der Serientäter. Er muss zwanghaft immer wieder nachsehen. Dieses Nachsehen zerstört den Status der Haut als Oberfläche in dem Maß, in dem sie deren Status als Ueberflaeche belegt: Darunter verborgen liegt kein Sinn!

 

Dem Wahn von der Suche nach dem ,darunter' sind nicht nur Aufschlitzer und manche Aufschneider (berufsbedingt) verfallen, sondern dies ist bei Gesellschaften im Zeichen der Ueberflaeche ein allgemeines (kollektives) Symptom. Beleg dafür ist, neben der Gier der Jugend nach Splatterfilmen, in denen das Aufschlitzen medialen Kultstatus erhält, zum Beispiel die Gier der Erwachsenen nach "Prof. Hagens Körperwelten", bei der die Ausstellungsbesucher scheinbar unter die Körperoberfläche schauen können. Dabei wird der Besucher vom Wachspräparator (auch eine Art Aufschneider) mit einem Versprechen angelockt, welches gar nicht erfüllt werden kann. Korporal betrachtet wird lediglich die eine Oberfläche durch die andere ersetzt, an die Stelle der Haut tritt das wachsgetränkte Muskelgewebe. Das Ueberflaechige der Haut kann diese Transsubstitution jedoch nicht überstehen: Es entsteht rein materielle Oberfläche, ein triviales Körperobjekt, dessen Sinn für den Betrachter nicht über den eines Auslösers kurzweiligen (und kurzfristigen) Grusels hinausgeht. Letztlich ,enthüllt' sich nicht mehr, als im Biologiebuch bereits abgebildete ist. Der hungrige Blick geht ins Leere.  

 

Aus dem Blickwinkel einer Theorie der Ueberflaeche haben derartige Inszenierungen aber noch einen anderen Sinn: sie stehen für die giererfüllte Suche der Subjekte nach dem ,darunter', nach einem ,tieferen' Sinn hinter den Oberflächen, den es, jedenfalls in der Ordnung der Simulation, nicht geben kann, weil die Oberfläche als Ueberflaeche bereits alle vorstellbaren (und möglichen) Be-Deutungen enthält. Jenseits der Ueberflaeche gibt keinen sinnhaften Raum.

 

 

(Max Roheg)

17. 8. 2004