Virtuelle Sozietät für wissenschaftliche und künstlerische Netzerkundung

Unsere Vision

Es ist unsere feste Überzeugung, daß der Cyberspace als neue soziale Welt nicht nur sozialwissenschaftlich erforscht, kritisiert und genutzt, sondern auch von sozialwissenschaftlich denkenden Netzwerkern und Netzwerkerinnen mit 'erbaut' werden sollte. Aktuell sehen wir fünf Aufgaben, an denen es aus einer solchen Perspektive vorrangig zu arbeiten gilt:

  1. Die Erforschung und Anwendung der Netzwerklogik:
    Entscheidende soziale, kulturelle und politische Veränderungen im 21. Jahrhundert werden nicht nur ihren Ausgang in den Netzwerkmedien nehmen, sondern auch durch eine spezifische Netzwerklogik geprägt sein. Wer diese Prozesse innerhalb wie außerhalb des Cyberspace beeinflussen will, muß die multi-dependenten Prinzipien der Netzwerklogik kennen und sich in der Praxis ihrer bedienen können. Der kognitive und operative Zugang zu diesen Prinzipien wird zukünftig über die sozialen Partizipationschancen von Organisationen und Individuen entscheiden. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß der Cyberspace - in seiner Gesamtstruktur ebenso wie hinsichtlich einzelner Entwicklungen - auch von Zufallsprozessen beherrscht wird. Auch in Zukunft wird seine Entwicklung deshalb nicht immer vorhersehbar, werden viele Prozesse nicht lenkbar und wesentliche Strukturen strategisch unbeherrschbar bleiben. Die Grenzen des Prognostizierbaren und Machbaren müssen immer wieder aufs Neue ausgelotet werden.
  2. Die Entwicklung neuer sozialer Regeln und Normen:
    Mit der Virtualisierung vielfältiger Austauschprozesse verändern sich auch traditionelle Kommunikations- und Interaktionsformen sowie die sozialen, kulturellen und ökonomischen Grundstrukturen von Gesellschaften nachhaltig. Viele der herkömmlichen sozialen und rechtlichen Regelungen werden in naher Zukunft ihre Geltung einbüßen. Hinzu kommt: der Cyberspace ist ein globaler Raum, dessen Nutzung prinzipiell nicht durch nationalstaatliche Bestimmungen geregelt werden kann. Es steht zu erwarten, daß die im und durch den Cyberspace entstehenden neuen Normen, Werte, Kommunikationsformen und Regeln rückwirkend auch den (noch) nicht-virtuellen Kommunikationsraum bestimmen werden. Neuartige, dem Cyberspace und der von ihm geschaffenen Kommunikationsordnung adäquate ethische Prinzipien und soziale Normen müssen entwickelt werden - und zwar unter globaler Perspektive. Netzwerker und Netzwerkerinnen sollten dabei einige allgemeine Austauschprinzipien propagieren und fördern: Zugänglichkeit von Ressourcen, Gleichberechtigung von Akteuren, Verantwortlichkeit der Handelnden, Transnationalität von Werten und Normen.
  3. Die Nutzung des Cyberspace als Wissensbasis und Erkenntnisinstrument:
    Der Cyberspace assimiliert auf vielfältige Weise - digital wie sozial - menschliche Erkenntnis. Als Informationssystem geht sein Potential weit über die Fähigkeiten aller bisherigen Systeme zur Wissenserfassung und Wissensaufbereitung hinaus. Die Gesamtheit des bisherigen menschlichen Wissens bildet dabei weder den Maßstab noch den Limes des 'Informationssystems Cyberspace'. In dessen Wissensbasis befindet sich ein stets zunehmender und schon jetzt enormer Anteil des menschlichen Wissens. Dabei wird durch die Verknüpfung des alten Wissens (sei es durch Automaten oder durch Nutzer) und die Schaffung originären Online-Wissens pausenlos neues Wissen generiert. Die Möglichkeiten der Verbreitung des alten und der Schaffung neuen Wissens hängen in hohem Maße von der Entwicklung adäquater Abfrage- und Verknüpfungssprachen ab. In ihnen liegt eine Chance, den viel beschworenen und befürchteten 'information overload' zu verhindern und die neuen Erkenntnispotentiale auch zu realisieren. Hier findet eine netzwerkorientierte Wissens- und Mediensoziologie ein neues Aufgabenfeld.
  4. Die Erneuerung des Denkens:
    Die Etablierung der Netzwerkmedien hat kaum zu überschätzende Auswirkungen auf zentrale Prozesse und Strukturen der modernen Industriegesellschaft. Solche 'revolutionären' sozialen Umwälzungen setzen für ein Verstehen und eine Steuerung ihrer positiven Potentiale eine Veränderung des Denkens über Mensch und Gesellschaft voraus. Nicht ohne Grund sind es gerade die vertrautesten Dichotomien, die durch die neuen Medien am radikalsten in Frage gestellt scheinen: Arbeit und Freizeit, Stadt und Land, Öffentlichkeit und Privatheit, Bürger und Staat, Mensch und Maschine, Wissen und Nichtwissen. Nicht nur das lebensweltliche, auch das (sozial-)wissenschaftliche Denken muß an die neuen Kommunikations- und Interaktionsstrukturen angepaßt werden.
  5. Die Akzteptanz des demiurgischen Potentials:
    Der Traum früherer Generationen war es, zu sehen, was nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Der Traum zukünftiger Generation hingegen wird es sein, zu schaffen, was nie ein Mensch zuvor geschaffen hat. Digitale Technik und die Macht des Codes ermöglichen es, unendlich vielfältige virtuelle Welten zu erbauen, sie zu besuchen, in ihnen zu leben - und sie wissenschaftlich zu erforschen. Das dem Netz inhärente demiurgische Potential führt dabei zu einer vollständigen Verschleifung der wissenschaftlich-technischen Prozesse des Entdeckens und Erfindens: Die Ergebnisse unserer Analysen schreiben sich - auf gewollte oder ungewollte Weise - in die Struktur des Cyberspace ein. Die Erforschung der Netzwerklogik wird so selbst zum demiurgischen Akt. Und der damit verbundenen sozialen Verantwortung können wir uns nicht entziehen.

Zuletzt geändert: 02.04.06

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